Francis Ayul Yuar

Bei Landeshauptmann Josef Pühringer. Foto: Land OÖ / Stinglmayr ©www.tips.at
Mary Akout Ruun, Francis Ayul Yuar und Herbert Bronnenmayer beim Besuch im Tips Büro in Kirchdorf ©www.tips.at

Francis Ayul Yuar ist ein Förderer von MiakWadang im Land, zuvor als Commissioner von Melut, jetzt als Berater des Gouverneurs der Oberen Nilprovinz.

Commissioner Francis Ayul Yuar war auch schon in Österreich zu Besuch, um wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen (>> zum Interview der Tips Kirchdorf).

In seinem Buch "Dies ist mein Weg –  Die Geschichte eines sudanesischen Freiheitskämpfers" erzählt er über seine Leben im Sudan. Das Buch ist derzeit nur auf Englisch erhältlich: "This is my journey" (zB. bei Amazon). Eine deutsche Version wird aber demnächst erscheinen.

 

Hierzu eine Leseprobe:

Prolog  
"Erschieß mich einfach!" Zum dritten Mal sah ich nun in die Augen des jungen Offiziers und flehte ihn an, mich zu töten. Ich blutete sehr stark und meine Eingeweide quollen aus meinem Körper, nachdem mich eine Kugel in den unteren Bereich des Bauches traf. Durch den enormen Blutverlust konnte ich kaum noch sehen. Alles drehte sich. Ich wusste, dass ich ohne rasche Hilfe in ein paar Minuten das Bewusstsein verlieren und dann sterben würde. Wie ich es auch drehte und wendete, aus dieser Situation gab es kein Entkommen. Wie meine Brüder vor mir, würde ich mich einreihen in die Liste der gefallenen Offiziere der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (Sudanese Peoples Liberation Army: SPLA). Mein Schicksal war besiegelt.
Da tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, der junge Offizier mit einem Gewehr auf. Als er zu mir eilte, und meine Innereien sah, die ich in den Händen hielt, stockte ihm der Atem. Er hatte zuvor schon erlebt, wie einige seiner Freunde verwundet wurden, jedoch noch nie gesehen, wie ein so hochrangiger Offizier wie ich im Begriff war zu sterben. Etwas orientierungslos blickte er zu dem gepanzerten Land Rover, mit dem er kam, dann zu mir. Er salutierte und sagte:" Lass uns abhauen Leutnant, wir schaffen das!" "Erschieß mich", sagte ich.
Der junge Offizier, Mr.Mabior Ayeie, von der Volksgruppe der Dinka Bor aus der Region Obernil im Bundesstaat Jonglei, war gerade einmal zwanzig Jahre alt. Er könnte auch achtzehn oder neunzehn gewesen sein. Seine rötlichen Augen waren tief in seine glatte, schwarze Haut eingesunken und die Arme, die mir zu Hilfe eilten, ragten kurz und behaart aus den Ärmeln der
Militäruniform heraus. Als ich diesen stolzen Dinkakrieger beobachtete, konnte ich nicht umhin, für ihn eine tiefe Bewunderung zu empfinden. Trotz dieses schrecklichen Anblicks, den ich bot, strahlte er Stärke und Entschlossenheit aus. Er lehnte es dennoch ab, mich zu erschießen. Ich wusste, dass für die meisten Soldaten, in einer Situation wie dieser, mit einem Kameraden in meiner Lage, der Tod die einfachere und bevorzugte Lösung war. Erstens, war ich viel zu stark verwundet, um sicher von hier weggebracht zu werden. Zweitens, waren wir tief in feindlichem Gebiet und drittens, die grausame Schlacht um die Stadt Ngal-Ngala, die bereits drei Tage gedauert hat, forderte ihren Tribut und zwang unsere Truppen zum Rückzug in die Berge von Liria. Eine Kugel durch meine Stirn hätte all seine Probleme gelöst, dachte ich. Aber er missachtete meinen Befehl. "Wenn du nicht schießt, dann wirst du gefangen genommen oder sofort von
ihnen erschossen“, sagte ich, um den jungen Soldaten zu überzeugen, mich zu töten und sein eigenes Leben zu retten, da aufgrund zu vieler Verluste nun schon fast alle Kameraden ihre Positionen aufgaben um sich zurückzuziehen. "Das kann ich nicht tun, Leutnant. Wir werden alle gemeinsam hier wegfahren."
"Alle?"
Der Soldat kniete sich neben mich und neigte meinen Kopf etwas zur Seite, während ich damit zu kämpfen hatte, bei Bewusstsein zu bleiben. Ich sah nun den gepanzerten Land Rover mit vier toten Kameraden auf der Ladefläche und einem schwer verwundeten Fahrer. Sein rechtes Knie war an mehreren Stellen gebrochen, doch er war der einzige Fahrer, den wir hier noch hatten. Aber wie sollte ich in diesen Jeep kommen? Und was, wenn der junge Offizier bei dem Versuch dafür zu lange braucht und uns so alle zur perfekten Zielscheibe macht? Ich wiederholte meine Anweisung: "Sieh zu, dass du von hier wegkommst und gib mir die Waffe!".
Er schüttelte seinen Kopf diesmal noch entschiedener. Der Soldat verweigerte diesen klaren Befehl und handelte damit wider unser Militärdogma, dass vorsah, einen Kameraden eher zu töten, als ihn in die Hände der Gegner fallen zu lassen und so zu riskieren, dass dieser wichtige Informationen über Standort und Taktik der Armee preisgibt. Mit einer schnellen Bewegung formte er mit seinen Armen eine Schaufel und hob mich mit einem Satz hoch. Er hievte mich auf die offene Ladefläche des Wagens, wo ich zwischen all den Leichen zu liegen kam. Während ich nun immer öfter in die Bewusstlosigkeit abzudriften schien, hörte ich einen sich zurückziehenden Offizier fragen, wer ich war?
Der junge Offizier antwortete: "Das ist Seargent-Major Francis Ayul von der Infanterie Division Drei." Sie erstatteten sich gegenseitig Bericht über den die letzten drei Tage andauernden Kampf. Wie unsere Einheiten den Gegner bis über ihre Grenzen hinweg zurückgedrängt haben, als sich das Kriegsglück wendete und wir einen raschen Rückzug antreten mussten. Der junge Soldat erzählte ihm, dass er in meiner Formation gekämpft hatte und miterlebte, wie ich, an vorderster Front, den Feind über die Brücke gejagt und dabei unzählige von ihnen erledigt habe. Was er nicht wusste, weil er bei dem Vorstoß dabei war, der den Gegner verfolgte, war, dass diese uns eine Falle stellten. Sobald die Verfolgertruppen außer Reichweite waren, tauchten aus dem Nichts feindliche Soldaten auf und nahmen mich und eine Handvoll Offiziere, die zurückgeblieben waren, unter Beschuss. Innerhalb kurzer Zeit viel Einer nach dem Anderen. Letztlich stand ich mit nur siebzehn Männern gegenüber einem kompletten gegnerischen Trupp, der entschlossen war, das Blut seiner Kameraden zu rächen, dass ich zuvor in einem Siegeszug in Strömen vergoss.
In meiner gesamten militärischen Laufbahn war ich noch nie in einer solch aussichtslosen Situation und die drei Tage des ständigen Kämpfens machten sich ebenfalls bemerkbar. Zum ersten Mal wollte ich keinen Krieg mehr. Ich wollte etwas besseres. Vielleicht Nächte mit ruhigem Schlaf, oder Tage in Frieden und Gelassenheit. Ich wollte eine liebende Frau und Kinder, die mich
glücklich machen und Gottes Sinn für Menschlichkeit erkennen. Ich wollte einfach nur leben.
Als der Gegner immer näher kam um die Sache zu beenden, hob ich also meine Augen in den Himmel und sprach zum ersten Mal so etwas, wie ein Gebet. Meine Worte waren: Herr, ich weis du bist da oben, rette mein Leben. In den daurauffolgenden Tagen und Wochen erfuhr ich die Treue Gottes. Nicht nur hat er mein Leben gerettet, er führte mich auch durch die Irrwege des Lebens und machte mich letztlich zu einem Priester der heiligen Schrift. Doch nichts davon war einfach. Ich lade sie ein, mir durch die Geschichte dieses Mannes aus dem Südsudan zu folgen, dem der Herr die Waffe aus den blutigen Händen riss und ihm dafür eine Bibel gab.

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