Unser einmonatiger Aufenthalt in Nyeyok

Bericht von Anna Wiesinger

Wir haben versucht uns vorzubereiten; Wir haben im Internet recherchiert, uns ein Bild von der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage gemacht, den Nord-Süd Konflikt beleuchtet, die Sauna und Flora detailliert beleuchtet und das Menschenbild analysiert. Jedoch war allen gänzlich bewusst, dass keine dieser Arten von Vorbereitung uns auf das wirklich Ausmaß eines Lebens im Sudan einstellen konnte. Wir hätten zig Bücher wälzen und Internetseiten rauf- und runter lesen können, die Erfahrung mussten wir alles selber machen. Dafür gab es keine Bedienungsanleitung, kein Schritt für Schritt Programm, kein Leitfaden. Wir wurden von Erfahrenen und Kundigen mitgenommen, die uns beim stehen helfen konnten, indem sie und versorgten und beschützten, doch gehen mussten wir selber und es war ein langwieriger Prozess, bis wir endlich den ersten Schritt wagen konnten, denn wir mussten den Menschen folgen, sie an der Hand nehmen und mit ihnen gehen, um ihnen helfen zu können.

Mit sage und schreibe 24 Koffern voller Präsente, medizinischer Versorgung, pädagogischen Hilfsmitteln und Sportgeräten traten wir eine Reise ins Ungewisse an, welche bereits am Flughafen in München auf uns wartete. Wir wussten, dass pro Person großzügiger weise zwei Koffer gestattet wurden und diverse Utensilien unsererseits wurden bereits im Vorhinein auf ein Minimum beschränkt. Wir hatten nicht viel Bedarf an Kleidung und sonstigen Komfort, war dies doch auch nicht als „Wellnessurlaub“ geplant.  Doch trotz unserer minimalistischen Denkweise hatten wir zehn Koffer Übergepäck, welches normalerweise Kosten von ca. 1500 € verursacht hätte. Das dies für eine Hilfsorganisation beinahe  ein Ding der Unmöglichkeit war, verstand auch die freundliche Mitarbeiterin an unserem Schalter und ihr bzw. einem anderen Kollegen war es auch zu verdanken, dass uns diese Kosten erlassen wurden, indem mit einem mitleidigen Lächeln auf die Kinder, die dies doch so nötig hatten, verwiesen wurde. Mit diesem einladenden und wegbereiteten Start verabschiedeten wir uns um ca. 15:30 von unseren Familien, um um 20:45 sicher in Cairo anzukommen, wo man bei einigen Stunden Aufenthalt noch rasch versuchte einige arabische Wortfetzen zu lernen und die letzten Detail geklärt wurden. Als wir in der Maschine nach Khartum saßen, war allen klar, dass wir hier eindeutig in der Minderheit waren. Für eine derartige besitzergreifende und dominante Rasse wie unsere eine ist, fällt es schwer, nicht in der Überzahl zu sein und zugegebenermaßen, es war auch für mich ungewohnt, unter Arabern und Schwarzen zu sitzen. Doch im Gegensatz zu unserem natürlich aufkommenden Misstrauen gegenüber allem Fremden und Neuem, lag in den Blicken dieser weder Neid noch Angst oder gar Hass. Als wir um 4:oo in der Früh in der Hauptstadt des Sudan ankamen, wurden wir auf eine so herzliche Art und Weise willkommen geheißen, wie ich sie selten erlebt habe. Auch als wir am nächsten Tag, nach einem langen und erholenden Schlaf, die Stadt und Universität besucht haben, war von Missgunst gegenüber privilegierten keine Spur. Man lächelte uns entgegen und von allen Seiten tönte es „Welcome to Sudan“, „How are you“ „Where are you from“ und Salam (umgspr. „Hallo“ auf Arabisch, eig. „Friede“). In Österreich hätte man, wäre man einem Farbigen auf der Straße begegnet, wenn auch unwillkürlich, die Tasche fester gehalten und seinen Blick nicht aus den Augen gelassen. Wie kommt es, dass wir jedem Unbekannten und Ungewissen Misstrauen entgegenbringen, weil wir etwas nicht kennen und nicht wissen, welchen Einfluss es auf uns haben kann, während die, die in Furcht und Elend leben, Unbekanntem mit einem Lächeln begegnen? Wie kann es sein, dass man in einem Land, das in Diktatur und Krieg lebt, in dem Häuser von Soldaten bewacht werden und nachts niemand mehr einen Fuß vor die Tür setzt, eher lächelt, als in einem, in dem man behütet und gesund aufwächst, jenseits von Verbrechen und Krankheit? Sie lächeln, weil sie nie wissen, ob es etwas Gutes oder Schlechtes in sich birgt, jedoch nie den Optimismus verlieren an Ersteres zu glauben. Wir verengen unsere Augen und unser Blickfeld, weil wir die Mauern des Schutzes und der Geborgenheit lieben, die uns umgeben und sie keinesfalls zum Einsturz bringen wollen, indem Fremdes uns Neues dagegenhält. Doch indem wir unsere Augen zusammenkneifen und den Blick vor dem wahren Unbekannten verschließen, können wir auch nicht die unbetreten und zu erforschenden Weiten erblicken, die hinter diesen Mauern auf uns warten und die die Menschen im Sudan in ihrem Optimismus sehen können.

Auch den darauffolgenden Tag, als wir uns auf einem typischen Markt in Khartoum um letzte Besorgnisse, wie etwa Stoffe und Kleider für die Frauen, sowie genügend Proviant für uns, kümmerten, folgte uns dieser afrikanische Gutglaube. Bis zu sechzig Kleider inkl. Schals und Nähseide haben wir erstanden, um den Frauen ebenfalls die Möglichkeit zu geben, nähen zu lernen. In Begleitung von Mary, unserer „Chefin“ und offiziellen Leitern von MiakWadang Sudan, liefen wir durch die engen „Marktstraßen“, die sich in einer riesigen Hallenähnlichen Überdachung befanden. Gerüche überwältigen einen ebenso wie die unglaubliche Auswahl von unnützem, chinesischen Import bis hin zu Technologie, die man selbst in Österreich bloß auf teure Weise erstehen konnte. Wir staunten nicht schlecht, als wir in einem Gang dutzende Handyverkäufer erblickten, die selbst unsere Mobiltelefone im Angebot hatten. Während wir verschiedene Stoffe auswählten und bezahlten, sammelten sich unterdessen ungefähr ein dutzend Jugendliche mit Schubkarren, die darauf warteten gegen ein paar sudanesische Dollar unsere Einkäufe transportieren zu können. Wiederum befanden wir uns im Zwiespalt der europäischen Vernunft und Kritik an allem Unbekannten und der afrikanischen Zuversicht gegenüber dem Leben. Mary ließ alles einem glücklich auserwählten Jungen zukommen, während wir alles mit kritischen und bedachten Blicken beobachteten. Was, wenn dieser einfach so mit unserer erstandenen Ware verschwindet? Das Geschäft seines Lebens! Doch wiederum überraschte uns dieser starke Wille für Gerechtigkeit und Arbeitsmoral. Niemals würde einer dieser abstrakten Gepäckträger das  Weite suchen, genauso wenig wie er Geld annehmen würde, ohne dafür etwas getan zu haben. Man will hier keine Almosen, sondern nur eigens verdientes Geld. Niemals hätte ich mir gedacht, dass sich dieses Land auch in diesem Punkt von unserer Gesellschaft unterscheidet. Obwohl Almosen auch in Österreich nicht allzu gern gesehen werden, würde man sie annehmen, denn dafür ist unser luxusgewohnter Geiz und unserer wachsende Gier einfach viel zu groß.

Auf der Rückfahrt zu unserer Unterkunft, nahmen wir einen öffentlichen „Taxi“, unwissend das wir uns hiermit auf eine lebensgefährliche Reise in den typischen sudanesischen Verkehr begeben. Verkehrsregeln werden hier keinesfalls geachtet. Es herrscht Anarchie. Vorrang hat der, der am schnellsten um die Kurve kommt und am längsten am Gas steht. Ich schätze, es reicht aus, zu erwähnen, dass selbst „Tuktuks“, die kleinsten Fahrzeuge auf den Straßen, Eisenstangen an ihren Felgen befestigen, um so genügend Abstand von anderen größeren Vehikeln zu gewinnen, die sie im Zweifelsfall einfach erdrücken könnten. Doch neben typischen „europäischen“ und „japanischen“ Automarken und den touristischen „Tuktuks“ findet man auch weniger oft gesehene Transportmittel. Im Sudan scheint es immer noch üblich mit Eseln als Zugkraft von A nach B zu gelangen. Nicht selten trappte eines dieser Tiere an uns vorbei und ich war fasziniert von diesem Zeitsprung. Eine Mischung aus Jahrhunderten und doch ungewöhnlich stark in der Gegenwart präsent. Khartoum, eine  Stadt der Gegensätze, die im Mittelalter und in der Zukunft gleichzeitig residiert. So wirken einige Stadtteile wie aus einer anderen Zeit: beim Überqueren der Brücken, die teilweise noch von den kolonialistischen Engländern erbaut wurden, denkt man nervös an die reale Einsturzgefahr, während man, wenn man den Präsidentenpalast von Präsident <http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Pr%C3%A4sidenten_des_Sudan>  Omar Hasan Ahmad al-Baschir <http://de.wikipedia.org/wiki/Umar_Hasan_Ahmad_al-Baschir>  passiert, sich in ein futuristisches Zeitalter im dritten Jahrtausend versetzt fühlt. Eine riesige, teilweise von Glas umschlossene Anlage, umzäunt von einer bewachten Burgähnlichen Mauer, die stark an „Legobauten“ erinnert, und so die Linien zwischen real und fantastisch- wahnsinnig verschwimmen lässt, beherbergt diesen Mann, der sich, von mehreren Staaten wegen Verbrechen an die Menschheit und Völkermord gesucht, versteckt hält und gerüchteweise Osama bin Laden Asyl gewährt. In den zwanzig Jahren des Bürgerkriegs, in denen auch im Süden zahlreiche Fehden zwischen einzelnen Stämmen das Ausmaß an Opfern vergrößerte, flüchteten zahlreiche Menschen nach Darfur, wo sich bald eines der größten Flüchtlingslager in Afrika formierte.  Als sich Rebellen aufgrund des Nord-Süd-Konflikts gegen die sudanesische Regierung erhoben, begann ein grausamer Feldzug gegen diese Ausständigen und rissen zeitgleich tausende Unschuldige mit sich in den Tod. Es läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken, wenn man dieses Gebäude betrachtet, indem ein Mann, der in punkto Grausamkeit mit Hitler und anderen Tyrannen verglichen werden kann, leben soll. Der sich scham- und skrupellos in einem riesigen Luxuskomplex verschanzt, während seine Bevölkerung an den Folgen seiner Regierung verendet.

Karthum ist in der Tat eine Stadt der Gegensätze. Arm und Reich begegnen einander,  Gut und Böse, Süd und Nord, Islam und Christentum, Araber und Farbige, Wahrheit und Lüge.
 
Nach 3 Tagen Aufenthalt in der Hauptstadt, in der wir bei Mary und Haruun Ruun unterkommen und die letzten Tage in der „Zivilisation“ bei Klimaanlage und gekühlten Getränken und Speisen, sowie einem komfortablen, geschlossenen Haus bzw. Zimmer, genießen durften, machten wir uns mit zwei Fahrzeugen und 24 Koffern, verfrachtete auf unserem Dach, auf den Weg in den Süden. Da im Norden die sudanesische Oberschicht und somit hauptsächlich Araber lebten, hatte man hier nicht den Eindruck in Afrika zu sein. Der Islam als Hauptreligion überwiegt ebenso wie die Einstellung diesbezüglich. Man fühlt orientalisches Klima, kein von Freiheit und Lebenslust bestimmtes afrikanisches.

Auf unserer Reise in den Süden konnte man den langsamen Wechsel nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Die trockene und staubige Wüstenerde, in der kein Leben lange gedeihen konnte und in der doch viele Stämme versuchten zu überleben, wurde langsam von fruchtbarem Grün abgelöst. Der sterbende Boden wurde wiederbelebt und erwachte voller Stolz und Prunk erneut zum Leben. So konnte man auch auferstandene Menschen erkennen, die den Scham einer verlogenen Religion abgelegt hatten und sich wieder zu ihren alten Wurzeln bekannten. Spärlich zwar, doch existent.

Aber auch Armut begegnete uns auf unserer Reise, als kleine Kinder versuchten mit schmutzigen Kleiderfetzten unser Auto zu putzen und somit vielleicht ein bisschen Kleingeld für eine Tagesration Essen zu erhaschen. Es war das erste Mal, dass Armut in Kleider und Fetzten, mit Hungerbauch und traurigem Gesicht vor uns stand und es sollte nicht die letzte Personifikation dieses Zustandes sein, die wir im Süden, einem Land reich an Ressourcen und doch arm an Verständnis dieses zu nützen, begegnen sollten. Da der Norden den Süden systematisch ausbeutete, sei es wegen dem Öl, auf dem sie lebten oder dem Gold, welches immer wieder entdeckt wurde, führte auch als einer der Gründe zu dem Krieg, der zwanzig Jahre lang wütetet und besonders in dieser Gegend am meisten zerstörte.

Unmöglich diese Strecke in einem Tag zu bewältigen, nächtigten wir in Renk, der südlichsten Stadt im Norden in einer kleinen und ausgesprochen komfortablen Herberge, bevor es am nächsten Tag weiter nach Melut ging, die Provinzhauptstadt in dem Gebiet, in dem sich auch unser Dorf befand. Hier konnten wir bei der Mutter von Mary unterkommen und schliefen unter freiem Himmel. Selten habe ich mich so frei gefühlt und doch eingebettet in Sicherheit, welche sich als Moskitonetz äußerte. Man hat das Gefühl dem Himmel mit seinen zigtausend Sternen, die man beinahe jede Nacht beobachten konnte, noch nie näher gewesen zu sein, sei es physisch oder psychisch. Tagsüber, als wir Melut endlich erreichten, konnten wir schon von Weitem die etlichen Straßenkinder erkennen, die unsere Fahrzeuge begierig und neugierig beäugten. Viele von diesen Kindern haben wahrscheinlich noch nie einen andersfarbigen Menschen gesehen und diese Erkenntnis konnte man auch in ihren Augen lesen. Wer seid ihr? Was wollt ihr und woher kommt ihr?

Als wir ihnen als kleines Geschenk einige Luftballone verteilten, wurde die anfängliche Freude von Gier übermannt. Doch wer kann es ihnen verübeln? Als Straßenkind aufgewachsen, lebt man in Anarchie; man nimmt, was man kriegen kann, sei es Essen, Kleidung oder nur ein simpler Ballon zum spielen. Sie wissen, dass die, die sie verteilen, genug davon haben, genug von allem haben. Warum können sie nicht etwas mehr davon abgeben?

Auch dieses Ereignis unter der heißen Sonne Afrikas, dem richtigen Afrika, brachte mich dem Sternenhimmel nachts näher. Ich konnte Gesichter erkennen: kleine Sternenformierte Köpfe; Gelächter, welches erstrahlt; eine Reihe weißer Zähne, die mir zu grinsen; Augen, die wie Diamanten funkeln. Es war bloß eine Nacht auf dem Weg zu unserem eigentlichen Ziel und doch hatte ich schon das Gefühl angekommen zu sein.

Während unserem Zwischenstopp in Melut nahmen wir auch Jango unter unsere Fittiche, das Patenkind von Fr. Kunze, welches uns zum ersten Mal in das Dorf begleiten sollte. Der kleine Junge, wir schätzen ihn auf ungefähr 5 Jahre, das Alter zählen nahm man hier nicht so wichtig, daher notierte man auch keine Geburtstage, zeugte von einem außergewöhnlichen Charakter. Abgesehen von der harten Schale eines Straßenkindes, er lebte bei seiner Großmutter im Compound von Mary, da sich seine Mutter, eine Teefrau, nicht um ihn kümmerte und sein Vater, ein Araber, irgendwo im Norden weilt, konnte man bereits bei der ersten Begegnung mit diesem voller Bewegungsdrang steckenden Burschen einen kleinen Blick hinter die Fassade erhaschen, denn das erste, was er zu tun beabsichtigte, war Dr. Herbert Bronnenmayer liebevoll zu umarmen. Seinen Retter willkommen zu heißen, der ihm wieder regelmäßig zu essen gab und wie ein Feiertag ins Land zog. Uns „Fremden“ gegenüber war er zuerst etwas schüchtern, regelrecht misstrauisch, doch für ein Straßenkind eine durchaus typische Verhaltensweise. Früh ausgesetzt und auf sich allein gestellt kannte er nur die harten Gesetze der Straße: „Vertraue niemanden außer dir selber. So wirst du überleben.“
Doch bereits am nächsten Tag sollten wie mit eigene Augen erleben und erfahren, dass nicht nur gedachte Anarchie sondern auch Zuversicht auf den Wegen nach Afrika zuhause ist. Als wir die, Lagerraum ähnliche Halle zur sonntäglichen Messe besuchten, war diese bereits voller Gläubiger, die wartend auf schlichten Plastiksesseln oder eigens konstruierte Sitzmöglichkeiten auf den Beginn warteten. Als wir weiter vorne unsere Plätz einnahmen, konnte man erst eine ungefähre Zahl der Menschenmenge erahnen und die Schlichtheit, die gleichzeitig von einer darauffolgende Schönheit abgelöst wurde. Sie hatten nicht viel, um diese Kirche wie eine solche aussehen zu lassen. Ein Gotteshaus. Einige Plastikblumen, sowie Fahnen und bunte Stoffe versuchten diesen Eindruck zu erwecken, versuchten ansatzweise mit der restlichen, voller Gotik- und Romanik-bauten überfüllten Welt mitzuhalten.  Doch als die ersten gesungenen Wörter aus den Mündern der verschiedenen Chöre, die abwechselnd zwischen Einsatz und Alter, sowohl  Männer, Frauen, als auch Jugendliche und Kinder bildeten eigene Gruppen, diesen Raum mit christlichen Klängen ausfüllten. Die im Rhythmus zu ihren eigenen Stimmen und den impulsiven Schlägen der Trommeln eine gläubige und nachdenkliche Vibration auslösten. Ein Herz schlagen ließen, indem sie einfach über ihren Glauben, ihre Hoffnung sangen. Dem Pfarrer gebührten nicht viele Wörter, man musste auch nicht sprechen, um zu verstehen. Ich fühlte mich als Christin, ohne dass ich in einem alten, kalten Gotik-bau den ewig gleichen und heuchlerischen Predigten unseres Bodenpersonals ein Ohr leihen musste. Ich schenkte mein Gehör voll und ganz dieser Musik, diesen kräftigen, farbigen Stimmen, diesem einprägenden und simplen Trommelschlag. Ich verstand nichts von dem, was sie von sich gaben. Auch bei englischen Liedern konnte man nur schwer kurze, gebrochene Phrasen verstehen, doch dies war hier nicht von Bedeutung. Ich verstand alles, indem ich in den singenden Männern, Frauen und Kinder, sitzend in ihren gebrochenen simplen Plastikstühlen, bettend in einer schmucklosen, kahle Halle, in ihre Augen blickten. Ihre dunkeln, schwarzen Augen, die doch voller Hoffnung funkelten. Auch als Dr. Bronnenmayer einige Worte an die Gemeinschaft richtete, ging diese strahlende Authentizität nicht verloren, sie wurde durch unseren reinen und echten Willen verstärkt und machte diese Messe zu etwas ganz besonderem.
Auch als wir am Markt eine Kleinigkeit zu uns nahmen, um uns für die Nilfahrt ins Dorf zu wappnen, musste ich stetig an diese Messe denken, in der ohne Schmuck, Gold und Marmor so viel mehr vollbracht wurde, als in unseren überfüllten Gotteshäusern.

Nun trennten uns nur noch 3 ½ Stunden Bootsfahrt von dem Dorf Nyeyok und unserer eigentlichen Aufgabe. Waren wir zu Anfangs von dem arabischen Flair der Hauptstadt negativ überrascht, ging diese Fahrt mit einer Überraschung der anderen Art her, denn zum ersten Mal konnten wir die Pracht der afrikanischen Natur vollends bewundern. Obwohl wir keine wilden Tiere zu Gesicht bekamen fühlte man deren Anwesenheit. Man konnte erahnen, wie sich einst Nilpferde und Krokodile in den Gewässern des Nils tummelten; wie Löwen auf den weiten Steppen nach Antilopen jagten; wie Elefanten am Flussufer der Hitze zu entkommen versuchten. Nur Fantasie war nötig, um diese Tiere, im Bürgerkrieg ins Landesinnere vertrieben, zum Leben zu erwecken. Den neugierigen Simba oder die smarte Nala in den weiten Wäldern zu erahnen. Wir wussten, dass dies das Afrika war, nach dem gesucht hatten.

Als wir in die Dorfeigene Lagune einbogen und schließlich unmittelbar vor dem Dorf anlegen konnten, wurden wir bereits von vielen neugierigen und hilfsbereiten Händen begrüßt. Man wollte uns anfassen, berühren und gleichzeitig zur Hand gehen, indem man unsere schwere Fracht zügig ins Dorf schleppte. Auch die Fruchtbarkeit und Lebensfreude begrüßte uns mit einem kurzen und heftigen Schauer, während wir unser Gepäck in Richtung „Miak Wadang Compound brachten“. Nicht nur Gesundheit und Verpflegung, sondern auch den Regen brachten wir ins Dorf. Den restlichen Tag verbrachten wir damit, uns vorübergehend häuslich einzurichten und unsere Betten für die Nacht vorzubereiten. Wir wurden auch wieder von allerhand Tieren überrascht, hier, mitten im Busch.

Am Beginn der zweiten Wochen versuchten wir erstmals uns zu organisieren und strukturieren: Wir sortierten, überprüften und schlichteten die Medikamente, die noch vor Ort waren und die, die der Doktor mitbrachte; wir putzten unsere Schlafgelegenheiten und Häuser, errichteten notwenige Zelte und diverse Sitzgelegenheiten, wie Hängematten und -sitze.  Summa summarum konnten wir unseren, für dieses Dorf ungewöhnlich großen Compound, sehr wohnlich und gemütlich „einrichten“, so dass viele Leute diesen Bereich neugierig besichtigten und sich nach sudanesischem Brauch für einen Tee niederließen und jedoch nicht beiwohnten, sondern sich eigene Plätze suchten.

So wie die Dorfbewohner uns besuchten und begrüßten, wollten wir dies ihnen gleichtun und besichtigten das Dorf. Anfänglich überrascht über die wenigen Hütten und Menschen, erfreuten wir uns sogleich über diese große Familie, von denen einige uns bei unserer Tour besichtigten. Vor allem die Kleinen unter ihnen zog es in unsere Nähe, noch nicht hatten sie Menschen von solch einer Farbe gesehen. Sie wollten uns berühren, strichen langsam, verschüchtert und etwas unbeholfen über unsere Handrücken, bevor sie diesen schließlich fest umklammerten und nicht mehr losließen. Es waren einige Mutige unter ihnen, die den Mumm zu solch einer hier ungewöhnlichen Tat hatten und bei denen Neugierde über Vorsicht siegte. Es konnte nur Farbe sein, welche uns von den Ihren unterschied. Es war nicht echt, dass weiß, dass unseren Körper bedeckte. Wie Fantasiewesen blickten sie uns an, mit großen Augen, unfähig zu verstehen, ungläubig über diese abstruse Realität. Doch als ein Kind langsam den Finger über meinen Arm gleiten ließ, ihn berührte und sich danach vergewisserte, dass sich keine Farbe auf seinem Finger befand, wurden sie sich über eine Wirklichkeit bewusst. Zum wahrscheinlich ersten Mal in ihrem Leben erweiterte sich ihr Weltbild und sie erkannten, dass nicht nur dunkelfarbige, große und schlaksige Menschen diesen Erdball bevölkerten, sondern auch weiße, kleine, fülligere und viel mehr, als sie jemals zu träumen wagten.

Ich war überwältigte über diesen ersten Kontakt, hatte nicht mit deren Intensität und Faszination gerechnet. ES war neu für sie und abenteuerlich, eine willkommene Abwechslung im monotonen Alltag. In diesem Moment waren sich weder ich noch diese Kinder darüber im Klaren, wie ähnlich wir uns in diesem Punkt zu sein schienen.

Ein Mädchen (ich hielt es anfangs irrtümlicherweise für ein Mädchen und bemerket den Irrtum erst etwas später) stach mir besonders ins Auge, denn sie hatte etwas, dass sie von den anderen abhob. Eine große schneckenförmige Skarifizierung nahm einen großen Teil ihrer Stirn und der Kopfhaut darüber ein, aufgrund ihres kahl geschorenen Schädels war es noch besser sichtbar. Diese war eine der ersten, die meine Hand ergriff; ein starker und sicherer Druck umgriff die meine und ließ mich wissen, dass ich willkommen war.

Doch auch ein zweites Mädchen stach mir ins Auge; diesmal, da ihr lautstarkes Weinen schon von weitem zu hören war. Als ich vor sie trat, verstummte sie und blickte mir mit ihren großen traurigen Augen tief in die meinen. Zu ihren dreckigen braunen Shorts trug sie ein weißes T-Shirt, welches durch Schmutz und Staub beinahe denselben Farbton aufwies. Doch es war nicht der Dreck, der mich traurig stimmte. Nicht mehr; sondern der Schriftzug, der ihr T-Shirt noch alles solches wirken ließ. „God loves you“ Ist es das? Liebt dich Gott, oder ist es nur die Hoffnung auf seine Liebe. Seine fruchtbare, beschützende, lebenserhaltende Liebe, die dich trägt und am Leben lässt? Liebt er dich in diesem Zustand, mit verweinten verkümmerten Augen, einem Bauch, der sich vor Leere bläht und Dreck, welcher deine Haut noch dunkler scheinen lässt? Liebt er dich oder definiert sich diese nur als einseitig? 

Gegen Ende dieser aufschlussreichen Erstbesichtigung unseres Wohnort für die kommenden drei Wochen bildete eine gern gesehene Sportaktivität der Mädchen: Seilspringen. Mit einfachsten Hilfsmitteln wie etwa nicht mehr brauchbare Seile und anderes, gelang es den Mädchen sich etwas für die Freizeit zu basteln. Etwas simples, aber doch nützliches und aufgrund der Raritäten und Mangelaussicht auch kostbares. Wird bei uns ein „hochmodernes“ Sprungseil nach einigen Versuchen und Benutzungen wieder achtlos in die Ecke geschmissen, da dies sowieso nur einige Euro gekostet hat, wird hier um solch einen Schatz gestritten, welchen meist die Größeren für sich entscheiden. Es ist etwas selbstgemachtes; etwas, dass den Kindern gehört. Was sind schon ein paar Euro?

Ein weiteres Highlight dieses Tages stellt das erstmalige Benutzen der sanitären Einrichtungen dar. Ein leeres „Loch“ im Boden mit eigens gebauter Kabine zu benutzen, ist mehr als wir zu hoffen wagten. Sie und doch bei unsere Reise in den Süden bereits andere Latrinen untergekommen. Verwunderlich wie schnell und ergiebig wir uns an gegebene Umstände anpassen konnten und sogar dankbar für ein „neues“ WC, welches wir vor einigen Tagen noch mit Abscheu abgelehnt und die Verstopfung vorgezogen hätten. Auch die Dusche, obwohl nur aus Eimer und kaltem Nil-Wasser bestehend, was ein lang ersehnter Luxus, da wir die letzten Reisetage nicht wirklich die Gelegenheit zum Waschen hatte oder nützen wollten und daher in hygienischen Belangen ins Bodenlose rutschten. Doch, was bedeutet es schon sich drei Tage nicht richtig waschen zu können oder die Kleidung zu wechseln, wenn Leute in deiner unmittelbaren Umgebung nicht einmal die Möglichkeit haben etwas auszutauschen für etwas saubere und neues.

Tags darauf errichteten wir die „Klinik“, welche als großes Campingzelt, eine Liege, sowie eine provisorischen Medizinschrank, in sich bergen konnte und somit optimal ausgerüstet für Behandlungen seinen Platz neben dem Dorf fand.

Gegen Nachmittag besuchten wir die Schule, die einen Fußmarsch von ca. 10 min beinhaltete und außerhalb von NYeyok lag, da auch die Kinder des Nachbarsdorfes Belgo diese besuchten. Da wir gestern bereits ein kurzes Gespräch mit den zuständigen drei Lehrern hatten, wussten wir, dass sie ca. 200 Schüler unterrichteten. Davon die 1. und 2. Schulstufe am Vormittag (Beginn 8:00) und die älteren Semester, 3., 4., und 5. Schulstufe, am Nachmittag mit Beginn um 14:00. Der Unterricht sollte laut eigenen Angaben Mathematik, Englisch, Sozialkunde („social care“) sowie Arabisch beinhalten. Die zwei Hütten, die die Schule beinhalteten wurden geteilt, sodass jeweils zwei Klassenräume entstehen konnten. Da wir die Lehrer gestern bereits um Erlaubnis für einen kurzen Besuch gebeten hatten, verwunderte es sie nicht, als vier Eferdinger, Benjamin, Andreas, Katrin und ich, die einzelne Hütten leise betraten und dem Unterricht so gut wie möglich zu lauschen versuchten. Während Benjamin und Andreas den Direktor, Johannes, und Deng beobachtete, versuchten wir uns auf die Unterrichtsweise von Santino, der den Schülern gerade die Subtraktion beibrachte. Obwohl man ihn Englisch unterrichtete und auch die Lehrer sowie die Schüler sich alle Mühe gaben diese Sprache zu sprechen, schien mir das beim Lernen und anschließenden Lernerfolg nicht wirklich sinnvoll. Summa summarum waren wir aber alle zufrieden, Katrin, die dieses Jahr den Bachelor auf der Pädagogischen Hochschule in Linz abgeschlossen hatte, beleuchtete die Situation auch auf diese Weise und konnte auf den ersten Blick Großteils positive und mit österreichischem Standard vergleichbare Aspekte aufzeigen. Die aktive Arbeit mit der Klasse, die wichtigsten „W-Fragen“ wurden gestellt, etc. Doch auch den Kleinen nahmen wir uns an, indem wir abermals Luftballone verteilten und den Kindern anschließend beim Spielen zusahen. Eine Art von Spiel, die sich meiner Meinung nach von der europäischen Weise differenziert, da es mit der Erfahrung und dem Wissen von wenig Hab und Gut fungiert und dadurch an Sanftheit zunimmt.

Große und kleine Dorfbewohner nahmen die Ballons wie einen Schatz entgegen, voller Freude und Respekt. Obwohl teilweise auch Ungeduld und Gier sehr präsent waren, dominierte doch das Glück über ein Geschenk, dass wir persönlich entgegenbrachten. Wann bekamen diese Kinder schon etwas für sich? Etwas, dass nicht dem Gemeinwohl galt, dem großen Ganzen, sondern nur einem Individuum. Wer von ihnen konnte nicht behaupten, sich in diesem Zeitpunkt glücklich zu schätzen, glücklich zu sein? Dies konnte man erkennen, an ihrer Art den Ballon entgegenzunehmen, ihn vor anderen gierigen Händen zu schützen, ihn an seine Brust und an sein Herz zu drücken, seinen ganz eigenen, persönlichen Luftballon.
Tags darauf marschierten auch die restlichen Teammitglieder am frühen Morgen gen Schule, um sich ein Bild über die Fortschritte bzw. den aktuellen Stand der Dinge zu verschaffen. Obwohl keiner von uns dies in einem abgeschiedenen Dorf im Süden des Sudans erwartete hatte, herrschte hier durchwegs Disziplin. Alle Schüler teilten sich in dem Alter oder der Schulstufe entsprechende Gruppen, die zusammen einen Kreis bildeten, in deren Mitte sich der Direktor, Johannes, befand um zum allmorgendlichen Gesang aufzurufen. Mit einer Gummipeitsche in der Hand, wie sich später herausstellen sollte, war Gewalt ein gängiges Disziplinarmittel, knallte er einmal auf dem Boden, um die Kinder zum Singen aufzufordern. Nachdem das Lied „Good morning  teacher“ von allen Seiten und allen Jahrgängen ertönt war, suchten die Schüler in Zweierreiher ihre Klassenräume auf, um auf den Unterricht zu warten. Allen „Weißen“ war bei diesem Szenario das Staunen ins Gesicht geschrieben. Erstaunen, über Disziplin und Ordnung, über Drill, was gänzlich der afrikanischen Mentalität,  frei nach dem arabischen Ausspruch „Malesch“ widersprach und die Geduldsspanne im Bezug auf allerlei Besorgnisse und Problemfälle bezeichnete: Jede Schwierigkeit wird irgendwann die passende Lösung finden, bis dahin gilt es abzuwarten und Tee zu trinken.

Nachmittags bekam ich einen ersten Einblick in die bereits in Betrieb genommene Klinik, in der fleißig geholfen wurde und die Menschenmenge, die davor auf einem Teppich, dem provisorischen Wartezimmer, nicht kleiner zu werden schien. Doch bereits 100 Meter weiter war von Krankheit und Schmerzen keine Spur, vielmehr von Kampfgeist und Gemeinschaftsgefühl, welche beim Fußballspielen oft in Erscheinung treten. Das Faktum, dass selbst am Ende der Welt mit einem kleinen runden Ball versucht wurde, in das gegnerische „Tor“ zu  treffen, erstaunte mich immer wieder. Ein Sport, der quasi die ganze Welt beherrscht, welchen jeder zu spielen weiß, welcher jedem einiges abverlangte und Gefühle nach außen kehrte. Ein Sport, der gleich macht, den Menschen unabhängig von Rasse, Sprache und Kultur teilen. Obwohl schon bei der diesjährigen Weltmeisterschaft imposant, dominierte meine Faszination der kleine Wettkampf zwischen den jugendlichen Dorfbewohnern und unseren Teammitgliedern. Man besitzt hier nicht viel: keinen extra angelegten Rasen, keine massiven Torstangen, die mit Netzen versehen als Ganzes fungierten, keine in den Rasen gesprühten Linien, nur Markierungen, die das Tor symbolisieren, eine Fläche, die als Spielplatz geschätzt und zugelassen wurde, unabhängig der dutzenden Kuhfladen, die den Weg säumten und zu tödlichen Rutschpartien werden konnte, wenn man sie nur richtig/falsch zu nützen wusste und Regen, der als selbst ernannter Timer galt. Aber dennoch konnte ich nicht wirklich zwischen europäischen und diesen Spielen unterscheiden, sie wirkten völlig gleich.

Unsere kleinen Mitbringsel, die wir für alle Schüler sorgfältig verwahrt und transportiert hatten, wurden am Donnerstag feierlich nach dem morgendlichen Ritus der Schüler verteilt, nachdem sowohl Mary, als auch Veronika Kunze sowie Katrin Wiesinger und Andreas Achleitner einige Worte an diese gerichtet hatten. Die etwas älteren Semester erhielten gefüllte Federschachteln, die in Österreich von diversen Volkschulen gespendet wurden, aber auch die kleinen kamen nicht zu kurz. Unter diesen verteilten wir Blei- sowie Farbstifte, die aber erst gespitzt werden mussten, was für uns ein steigendes Pensum an Stress bedeutete. Nach dieser unüblichen Bescherung begann wie gewöhnlich der Unterricht, wobei vormittags auch im Freien unterrichtet wurde, da für die Kleinen nicht genug Platz in den Klassenräumen bestand. Auch diejenigen, die noch nicht einmal das schulfähige Alter erreicht hatten, sammelten sich vor den Klassen, um auf ihre älteren Geschwister zu warten. Diesen nahmen wir uns an, indem wir versuchten, ihnen simples, grundlegendes Basiswissen zu vermitteln z.B. das englische Alphabet, da der Unterricht in Englisch gehalten wurde, oder die Zahlen von 1- 10. Beim Lernen der ersten wichtigen Buchstaben orientierten wir uns an dem Unterrichtsschema der Lehrer, indem wir für jeden Buchstaben einen Vergleichsgegenstand anführten. „ A for Apple, B for Ball, C for Cat…“

Als ich etwas später in der Klinik assistierte, wurde die Freude über die Fortschritte der Kinder und Annahme unserer Geschenke von der traurigen, allzeit präsenten Krankheitslage in diesem Land überschattet. Während Dr. Herbert Bronnenmayer mit Hilfe eines Dolmetschers, zweitweise Mary Ruun oder ein in Englisch ausgebildeter junge Mann, versuchte aufgrund der Symptome eine Diagnose zu stellen, protokollierte ich Namen sowie Diagnose und Therapie, womit die verabreichten Medikamente gemeint waren, die ein anderer Assistent zusammenstellte. Hierbei fiel mir die Häufigkeit von Gelenksschmerzen ins Auge, die v.a. bei älteren Frauen dominierte und jahrelang nicht behandelt wurden, was durchgehende Schmerzen bedeutete, mit denen diese zu leben hatten. Ohne Arzt oder Behandlung blieb ihnen nichts anderes über, als mit den Schmerzen leben zu lernen und weiter Lasten zu tragen, zu arbeiten, obwohl dies die Hölle bedeutete. Der afrikanische Wille ist enorm.

Gegen Abend erwarteten wir den Sohn des Doktors, Johannes Bronnenmayer, sowie seine Freundin, Daniela, und eine aus Luxor stammende Architektin, Hala Wardy, die Bronnenmayer über die Internetplattform „Facebook“ entdeckte und ihre Hilfe beim Bau der Schule anbot. Aufgrund ihrer Religiosität nahm sie diese Naivität in Kauf, und reiste in ein unbekanntes, gefährliches Land, das sie noch nie betreten hatte zu Menschen, die sie noch nie gesehen hatte, um zu helfen. Bei ihrer Ankunft überreichte sie  ein Kuvert mit Spenden ihrer Familie im Wert von über 2000 $ und beeindruckte uns mit architektonischen Plänen, die uns von ihrer Fähigkeit als Architektin überzeugen sollte. Einmal im Jahr lässt sie sich beurlauben; aber nicht, um sich zu erholen und Energie zu tanken, sondern ihre restliche Energie an die Menschen weiterzugeben, die keine mehr haben und diese nötiger brauchen.
Als wir mit diesem Neuzugang die Schule abermals besichtigten, fiel uns die Trunkenheit einer der drei Lehrer, Deng auf. Auch beim Unterrichten der Schüler hatten wir diesmal Probleme, da sie besonders in Mathematik häufig zu raten schienen und bis auf einzelne, die Zahlen nur aufwändig aufsagen, nicht jedoch jede einzelne Zahl als solche erkennen konnten. Außerdem fehlte vielen die Konzentration, da zuvor abermals Luftballone ausgeteilt wurden und diese die Kinder mehr in den Bann zogen, als die schöne Welt der Mathematik.
Währen Daniela, Katrin und ich diese unkonzentrierte Rasselbande zu bändigen versuchten, errichteten Benjamin, Andreas und Hannes vor der Schule ein Volleyballnetz, das in den Pausen genutzt werden konnte.

Etwas später an diesem Tage ermöglichten Katrin und Daniela einigen Kinder in unserem Compound den Zugang zu Bilderbüchern, indem sie darin vorlasen und anschließend der Menge zeigten. Ebenso verteilten sie Zeichenblätter und Stifte, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und sie zum Zeichnen zu animieren. Zeitgleich half ich in der Klinik als „Giftmischer“ und stellte die einzelnen gebrauchten Medikamente für den jeweiligen Patienten zusammen, während die maskulineren Teammitglieder einen „Zaun“ aus Ästen und Dornen errichteten, um das Klinikzelt vor den törichten Eseln zu schützen, die es ansonsten zerstört hätten, nachdem wir es zuvor tagtäglich hin- und hergetragen, sowie aufgebaut und entfernt hatten.
Der Abend rief zur Geschichtestunde auf, indem das ganze Team mehr oder weniger gemütlich, umgeben von tausenden aggressiven Moskitos, zusammensaß und  den Erzählungen des Doktors über seine Zeit im Sudan, dem Bürgerkrieg und der kritischen Zukunft lauschte.

Das erste Wochenende in Nyeyok wurde ebenfalls fleißig gearbeitet. Samstags begann das von Fr. Kunze aufgezogene und vorbereitete „Nahmaschinenprojekt“, allerdings mit nur einer funktionstüchtigen Maschine, da die anderen, die ein Jahr in einem Container in Melut auf ihren Einsatz warteten, den Witterungen zum Opfer fielen. Doch auch eine einzelne Nähmaschine sorgte für Freude und Fortschritt im Dorf. Ein kleiner Junge, der bereits aufgrund seiner fehlenden Hose aufgefallen war, trug diese tags darauf bei der sonntäglichen Messe, da seine Mutter endlich die Möglichkeit hatte, sein Hosenbein wieder zusammenzunähen. Doch nicht nur repariert, auch hergestellt wurde an diesem Tag, indem man mit dem Schneidern eines neuen Kleides, für welches die Stoffe am Markt in Khartum gekauft wurden, begann.

Das Sportprogramm wurde ebenso erweitert, indem man zwei mitgebrachte und von Slackline Tools gesponserte „Slacklines“ aufbaute. Ein, etwas niederes, zum Erlernen der Sportart geeignetes Seil, neben dem „Fußballplatz“, sowie ein etwas höher gespanntes in unserem Compound. Da die Slackline aufgrund der zahlreichen frei weidenden Rinder, sowie Eseln und Ziegen täglich abgebaut werden musste, staunten wir nicht schlecht, als wir die Kinder dennoch balancieren sahen: Auf einem nachgestellten, provisorischen Seil, welches viel dünner und viel schwerer zu benützen war, stolzierten diese, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Fordert diese Sportart bei uns viel Geduld, Konzentration und Ausdauer, beherrschen diese „Slacklinen“ als wäre es ihr Sport und als könnte es ihr Sport werden, indem sie es auch ohne teures Equipment mit simplen Utensilien perfektionieren.

Neben Fußballplatz und moderner Slackline, errichteten die Männer auch ein zweites Volleyballnetz für die Kinder des Dorfes, während Katrin, Laura und ich uns um das Sortieren der bereits gedruckten Schulbücher auf Dinka, sowie die Inventur dieser konzentrierten. Obwohl auf Englisch unterrichtet wird, beruft sich das Team „MiakWadang“ auf deren Muttersprache „Dinka“. Diese zu lernen sei, so die Meinung aller, oberste Priorität, da pädagogisch erwiesen, dass, wenn man seine Muttersprache erlernt, grobe Schwierigkeiten im Erlernen anderer Fremdsprachen  vermindert werden. Es ist nur logisch anzunehmen, dass kein großer Lernerfolg vorkalkuliert werden kann, wenn die Kinder in einer Sprache unterrichtet werden, die sie nicht einmal richtig verstehen. Wie sollen sie Englisch beherrschen, sprechen und schreiben, wenn sie dies nicht mit ihrer eigenen Sprache vermögen?

Die Wahrheit in dieser Aussage wurde abends bestätigt, als mehrere Jugendliche unseren Compound aufsuchten, um diese Bücher neugierig zu betrachten und zu lesen. Wer konnte es ihnen verübeln, als sie diese anschließend mit nach Hause nahmen?

Als die Sonne mit dem Regen einen Handel einging, und ein heftiger Sturm uns in unser Haupthaus flüchten ließ, verbrachten wir den Rest des Tages mit einem Resümee der vergangenen Woche, sowie ein musikalisches Einstimmen auf das kommende Fest, das uns nächste Woche für zwei Tage gefangen nehmen sollte.

Diesen Sonntag feierten wir den Gottesdienst in der kleinen Kirche in Nyeyok, während Daniela, Hannes und Hala gemeinsam mit Mary nach Melut fuhren, um einige Besorgungen zu erledigen und besonders Hannes auf den Pfaden seiner Kindheitserinnerungen zu begleiten.

Die Kirche in Nyeyok war noch schlichter und spärlicher eingerichtet als die in Melut. Ein kleines, altes Gebäude, dessen Fenster so spärlich und winzig waren, dass es selbst in der Mittagshitze angenehm kühl und dunkel war, erbaut aus Lehm, welcher sich mit Rissen und Löcher an den Wänden bemerkbar machte. Selbst die Sitzgelegenheiten waren kleine Erhöhungen aus Lehm, weshalb wir unsere Plastiksessel hinübertrugen, und auch ein kleines Kreuz, geformt aus Lehm, vereint mit einer Wand konnte man bei genauerem Hinsehen erkennen. Der Altar bestand aus einem niederen Tisch, ebenfalls aus Lehm, an dem sich keinerlei Prunk oder Verzierung befand. Es war ein Gebäude, welches man nicht als Kirche bezeichnet hätte, wenn man es  bloß unter der Woche, nicht jedoch an einem Sonntag aufgesucht hätte. Der Kirchenchor, einige Jugendliche, die sich zu diesem Anlass lila Kleider geschneidert haben, und auch der Priester machten es zu einem Gotteshaus. Ich befand mich wieder in derselben Gemütsverfassung wie bei der Messe in Melut, jedoch noch intensiver, noch näher. Es fanden sich beinahe keine älteren Dorfbewohner ein, jedoch viele Kinder, die mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Arm, einen Platz suchten und den Liedern und Texten lauschten. Sie glaubten an das gesprochene Wort und noch nie habe ich sie so still erlebt. Dabei musste ich auch an zuhause denken; daran, dass schreiende und weinende Kinder, die sich mit aller Kraft wehrten, aus der Kirche getragen werden mussten, während ihnen verdutzte und verärgerte Gesichter den Weg wiesen; daran, dass beinahe kein österreichisches Kind gern in die Kirche geht, denn die ewig gleichen Predigten sagen nichts aus, bedeuten nur Langeweile und Hoffen auf ein baldiges Ende. In Nyeyok singen die Kinder mit, beten und lauschen dem Evangelium („ Die Reichen und das Reich Gottes“).
Um Jugendliche wieder zum Kirchengehen zu animieren, setzte man alle Hebel in Bewegung. Es werden zahlreiche Konferenzen und Sitzungen des Bodenpersonals einberufen, um sich über die steigende Zahl der Kirchenaustritte bewusst zu werden, eine Lösung zu suchen und diese gemeinsam anzugehen. In Afrika kennt keiner diese Art von Sorgen, niemand zweifelt an der Existenz des Herrn, niemand zweifelt an der Richtigkeit seines Glaubens und dies ist auch der Grund, weshalb man hier von sich aus Gott aufsucht. Man kann kommen, man kann gehen, ohne einen vorwurfsvollen Blick zu kassieren. Niemand blickt hier andere an, jeder blickt nur Gott an.

Währen des Gottesdienstes bekam Dr. Herbert Bronnenmayer abermals die Gelegenheit einige Worte an die Menschen zu richten und das Team vorzustellen, übersetzt von Mary Ruun.
Als diese beinahe zweistündige Messe sein Ende fand, bildeten die Menschen eine Kette, jeder reichte jedem die Hand, um sich anschließend in diese Kette zu integrieren, bis jede Hand von jedem gedrückt wurde. Jede schwarze, jede weiße, jede kleine und jede große.

Da bei jeglichen Ballspielen und Freizeitbeschäftigungen immer die Jungs dominierten und den Mädchen nicht einmal die Chance zur Mitbeteiligung gaben, versuchten wir an diesem Sonntagnachmittag auch die Mädchen beim Ballspielen zu integrieren, indem Laura, Katrin und ich ganz bewusst nur mit den Mädchen beschäftigen, während Benjamin und Andreas die Jungs zum Fußball animierten. Da die Mädchen hauptsächlich als „Ersatzmütter“ für ihre kleinen Geschwister agierten und auch so sehr im Haushalt der Familie eingespannt waren, verhielten sie sich diese zu anfangs noch schüchtern, folgten uns aber, als wir in den Nil baden gingen und näherten sich uns später auch ganz bewusst. Der Badebereich für Männer und für Frauen war furch separate Zugänge gekennzeichnet, denn unsere afrikanische Vorstellung von einer selbstbewussten Einstellung zu deren Körper und Nacktheit in Verbindung mit der Natur wurde v.a. im Krieg und durch den Einfluss des Islams getilgt. Obwohl sie weniger verhüllten als Muslime, wäre es für uns verpönt gewesen, im Bikini durch das Dorf zu laufen.  

Beim Abendessen erreichte uns die Nachricht, dass Mary und die neu dazu gestoßenen Mitglieder Probleme mit dem Boot hätten und somit eine Nacht in Melut verbringen würden.
Die zweite richtige Woche in Nyeyok gewann mehr und mehr an Gewohnheit und Routine,; während Dr. Bronnenmayer und Laura Pfaffenhuemer, ausgebildete Sanitäterin und rechte Hand des Kirchdorfers, hauptsächlich im Klinikzelt tätig waren, fungierten Katrin, Daniela und ich größtenteils als Teilzeitlehrerinnen, indem wir den Kleinsten Grundwissen beizubringen versuchten, Benjamin, Andreas und Hannes waren für Sport und allerlei Handwerkstätigkeiten zuständig und Frau Kunze hatte v.a. das „Nähmaschinenprojekt“ inne.

Diesen Montag beschäftigten wir uns abermals mit Zahlen, indem wir zahlreiche Hilfsmittel, die Katrin aufgrund ihrer PH Ausbildung vertraut waren, anwendete, um ihnen so ein Gefühl für das Rechnen zu vermitteln. Wir verwendeten Zahlenketten, Bilderbücher, mit deren Unterstützung wir englische Tiernamen lehrten und Bücher, welche mit Ton unterlegt waren. Diese faszinierten ungemein.
Ein Manko der Schultags-Struktur besteht hauptsächlich darin, dass nach einer Einheit von 45 Minuten eine 30 minütige Pause angesetzt ist, die jegliche Konzentration völlig zunichtemacht, wodurch ein reibungsloser Ablauf der zweiten Einheit nahezu unmöglich wird. Auch die Lehrer tragen einen hohen Anteil an dieser Verlustquote, da sich diese bereits nach wenigen Minuten der gehaltenen Stunde von den Schülern entfernen und diesen somit „Narrenfreiheit“ zugestehen. Stand die erste Einheit unter dem Zeichen von Disziplin und willigem Lerneifer, den sogar Jango, unser Straßen-Adoptivkind befolgte, folgte nach der Pause Chaos und übliche Verhaltensweise. Es war beinahe nicht mehr möglich Unterricht zu halten, da die Schüler anderer Klassen, geweckt durch unsere Utensilien und deren Fertigkeiten, sich zu uns gesellten, während die Lehrer dies aus sicherer Entfernung beobachteten. Ein Tohuwabohu voller Kinder umkreiste uns, von schulischer Disziplin oder zumindest einem Ansatz davon keine Spur mehr. 

Unterdessen fand das „Nähmaschinenprojekt“ mehr Anklang, indem sich u.a. eine der außergewöhnlichsten Frauen des Dorfes, Elisabeth, an der Maschine versuchte. Bevor man die 60 Kleider, die eigens in Khartum für die Frauen aus Nyeyok angekauft wurden, verteilte, rief Mary eine Frauenbesprechung zwecks der Arbeitseinteilung für das anstehende Fest am Dienstag und Mittwoch ein, welches aufgrund der Anschaffung des MiakWadang Bootes und des MiakWadang Traktors sowie der verspäteten 60er Feier von Dr. Bronnenmayer, vollzogen wurde.  Nach dieser feierlichen Vergabe wurde noch länger getanzt, gelacht und der Geschenke gehuldigt.

Die beiden Festtage waren schulfrei, sodass auch die Kinder am Spektakel teilnehmen konnten. Aber nicht nur Nyeyok, auch die Nachbardörfer wie etwa Belgo u.a. wanderten stundenlang, um ihren Part zu leisten. Diese eintrudelnden Menschenmengen wurde sogleich in ein „Dörferspiel“ involviert, welches „Nemsa“ (arabisch für „Österreich“), Belgo, und Nyeyok gegen einander spielen ließ und in welchem Nyeyok als Sieger hervorging.

Das auffälligste an den heranziehenden Menschen war ihre Bekleidung und ihr Schmuck: Alle hatten sich auf verrückte Art und Weise hübsch gemacht. Man sah Frauen mit europäischen Perücken, welche ihre eigenen verflochtenen und eher krausen Haare verbarg, Mädchen mit Plüschtieren und bunter Vielfalt im Haar, welches sie mit solch einem Respekt trugen, dass sie diese Originalität durch ihr makelloses Auftreten komplettierten. Man sah Männer, die ihre traditionellen Uniformen übergestreift hatten und als „Luftballonkrieger“ mit harmlosen, jedoch gefährlich aussehenden Waffen ausgelassen tanzten und man sah Schmuck, jede Menge bunte Perlen, die sich um den Arm schlängelten, die Brust zusammenhielten, die Fuße bedeckten und des Hals liebkosten. Hatten wir uns zuvor noch gefragt, wo die unzähligen „Suksuk“ (arabisch für Perlen) ihren Wert fanden, wenn nicht im Weiterverkauf in Österreich, hatten wir hier die Antwort, in einem allgegenwärtigen Rückblick in die Vergangenheit dieses Dorfes. So wie ihnen Fr. Kunze dieses Geschenk für die Schönheit bereitete, nahmen sie es an, setzten es um und kürten sich selbst, jedoch Mary als deren Königin. Mit Zepter und Krone sowie einem Kleid, aufgrund dessen Anblick, würde es in der Sonne reflektieren, beinahe erblinden würde, geblendet von dessen Funkeln und Strahlen. Als die „Queen of Nyeyok“ mischte sie sich unters Getümmel, verschmolz mit dieser atemberaubenden Synthese, als ein Teil des großen „MiakWadang“ Tanzes, welcher durchgehend zelebriert wurde und unser Team bereits am Vormittag einen Kostprobe dessen erahnen konnte, als ältere Frauen, bereits am Bierbrauen, unseren Compound mit Singsang und Schreie stürmten und das ganze Areal in guter Laune zurückließ und obwohl diese Frauen eine wohlschmeckende Kostprobe verliehen, konnte niemand mit dem Hauptgericht rechnen, dessen Gesang, Laune und Stimmung das ganze Dorf ausfüllte, uns selber zum peinlichen Erlernen dieses Tanzes animierte und dessen riesige, aufwirbelnde Staubwolke selbst die Natur zu Ausgelassenheit und Fröhlichkeit bewog.

Da auch der darauffolgende Tag von einem Lächeln der Sonne begünstigt war, planschten wir mit unseren Mädchen im Nil, Wasserbälle als Spielutensil zur Verfügung, während Benjamin und Andreas mit ihren Jungs ausgelassen tobten und sie mit einem drohenden „One, two, three“ in den „Weiten“ des Nils verschwinden ließen, um später einen kleinen, schwarzen Kopf aus dem Wasser ragen zu sehen, dessen Reihen weißer Zähne, die sich zu einem Lachen verzogen, deutlich von dem weniger klaren Wasser des Flusses abhoben.

Unterlegt von durchgehenden rhythmischen Gesängen und Tänzen des Festvolks arbeiteten wir auch auf bürokratische Weise für eine bessere Schule. Obwohl uns der erste Eindruck überzeugte, kamen einige gravierende Mängel zum Vorschein, die in Bezug auf das Wohlergehen der Schüler nicht toleriert werden konnten. Da die Lehrer auf eigne Faust und nicht durch MiakWadang eingestellt wurden, (nach Eröffnen der Schüle im Mai benötigte man erhältliche Lehrer), besaßen sie weder einen richtigen Arbeitsvertrag, noch konnten sie uns ihr Diplom zur absolvierten Lehrerausbildung vorlegen („High school certificate“). Neben fehlenden, aber nötigen Dokumenten, überzeugten sie v.a. negativ durch Trunkenheit bei Schulbeginn, Unpünktlichkeit oder  fehlendes Erscheinen, schlechten Englischsprachkenntnissen, erhöhte Gewaltbereitschaft und provokanter Dreistigkeit, indem sie neben verständlichen Utensilien wie etwa Hefte, Rucksäcke, einer Schulglocke, Bänke und Tische, sowie Stifte auch unsere Anziehsachen forderten, die sie auf den Wäscheleinen in unserem Compound erspäht hatten.

Einzig Santino, der bereits zwei Jahre in Belgo Dinka unterrichtet hatte, schien ein Gefühl für die Bedürfnisse des Dorfes und der Schüler zu haben und kooperierte auch in unseren zahlreichen Diskussionen.

Während wir an einem Anforderungsprofil für Lehrer, einem Verhaltenskodex, einem neuen Stundenplan, Schulregeln und einem Arbeitsvertrag feilten, wurden wir Zeugen eines blutigen, Dinka- untypischen Gemetzels. Für das Fest benötigte man Essen, daher wurde ein Bulle aus der grasenden Herde gewählt, weggezerrt und mit einem scharfen Messer geköpft, sodass er langsam verenden konnte. Das aufregende 2-Tagesfest ließen wir mit selbstgebrautem Sesam-Bier (!!) sowie einem gemütlichen Zusammensitzen in unserem Compound ausklingen, währen uns die schallenden Musik auf dem Dorfzentrum bis in die frühen Morgenstunden begleitete.
Die dritte Woche widmeten wir hauptsächlich der gründlichen Strukturierung der Schule. Da Deng mit Nichterscheinen glänzte, Johannes einen Lehrerersatz für sich suchte, um ein selbsternannte Pause einzulegen und lediglich der gemeinsame Unterricht von Santino und Daniel den Schulanforderungen entsprach.
Dieser Schultag (Donnerstag, 29. Juli 2010) sah wie folgt aus:

  • Kein morgendlicher Ritus im Sinne von Begrüßung und Gesang
  • Pünktlicher Beginn von Johannes um 8:30; Nichterscheinen von Deng; kleine Verspätung von Santino
  • Keine Möglichkeit den Englischunterricht von Deng stellvertretend zu halten, da er das einzige Buch besitzt.
  • Wenig pünktlich erscheinende Kinder. Strafe: Gummipeitsche
  • 9:30 Pause (30 min.)
  • Nach der Pause setzte Johannes seinen Unterricht nicht mehr fort, Schüler langweilten sich und wohnten dem Unterricht der Kleinen bei à abermaliges Chaos

Ein darauffolgendes Gespräch mit den Lehrern hinsichtlich dieser Mängel stellte sich als gefährliche Gratwanderung zwischen Akzeptanz der afrikanischen Kultur und versuchte Verbesserung und Aufdrängen der europäischen Disziplin und Struktur heraus. Wir versuchten zu erklären, dass wir lediglich strukturieren und disziplinieren wollen, ohne jedoch alles auf europäischen Standard zu heben und ohne deren Kultur und Mentalität zu ignorieren. Die Weitergabe einer Starthilfe, mit der sie selbstständig weiterarbeiten können und die Gewissheit ihres Afrikas und unserer Europas aber dennoch eines Vertrauens in ihr Tun.

Obwohl das Volleyballnetz inmitten des Dorfes für sofortigen Anklang und Spielfanatismus sorgte, denn die Sportler unter uns noch zusätzlich pushten, musste einiges an dem Netz repariert werden, da man dieses beim Aufbau unabsichtlich am täglichen Weg der dorfeigenen Rinderherde erbaut hatte, welche ohne Hirten und Anstandsdame ihre Wege zogen, ohne jemals eine Gefahr für einen Dorfbewohner darzustellen, abgesehen von den durchaus rutschigen Kuhfladen, die ihre Wanderung pflasterten. Bei einem knisternden Lagerfeuer besprachen wir noch einmal wichtige Details der nachmittäglichen Diskussion zwischen Lehrer und MiakWadang und brachten auch Lual auf den neusten Stand der Dinge, den ältesten Sohn von Mary Ruun und gerngesehenes Teammitglied.

Freitags widmeten wir uns einem anschaulichen Stundenplan und Schulregeln, welche wir am Eingang der Schule befestigten, wie dem Zusammenstellen einer „Schulbox“, welche alle schulbedingten Materialien fasste, die Katrin mitgebracht hatte und die Fächer Mathematik, Englisch, Dinka sowie Sport beinhaltete:

  • 4 Rechenketten
  • 3 Rechenhilfen
  • 6 Dominospiele
  • 10 Zahlenboxen von 0-9
  • 25 Zahlenschablonen
  • Laminierte Zahlen mit Mengenverhältnis
  • 6 Gummischnüre
  • 2 Bälle + Pumpe
  • 16 Wasserbälle
  • 13 Springschnüre
  • 4 Boxen mit englischem Alphabet
  • 2 Englische Lernspiele
  • 1 englisches Tierbilderbuch
  • Großbuchstaben Dinka Alphabet in Form von Moosgummi auf Holzkarten
  • Kleinbuchstaben Dinka Alphabet in Form von Moosgummi auf Holzkarten
  • 3 Vergrößerungsgläser
  • 8 Tuben Klebstoff
  • 4 Packungen Filzstifte
  • 9 Cretacolor Stifte
  • 1 Rolle Papier
  • 1 Sack voller Stifte + Spitzer
  • 5 Scheren

Ebenso  zählten und ordneten wir die bereits vorhandenen und frisch gedruckten Schulbücher…

  • Brown Books : 109
  • Blue Books     : 117
  • Green Books : 83
  • Yellow Books: 189
  • Science P1 : 5
  • Science P2 : 2
  • Science P4 (Teacher´s Guide) : 1
  • Mathematics P1 (Teacher´s Guide) : 1
  • Mathematics P2 : 4
  • Mathematics P3 : 1
  • Mathematics P4 : 1
  • Social Studies P1 : 3
  • Social Studies P2 : 1
  • Social Studies P3 : 1
  • English P1 : 1
  • English P4 : 1
  • Agriculture P4 : 1
  • Class Book : 3
  • Writing Books (Hefte) : 155
  • Boardmarker blue : 6
  • Boardmarker black : 5

…sowie die zur Verfügung stehenden englischsprachigen Bücher:
 
English books: 

  • Level 1 : 22
  • Level 2 : 50
  • Level 3 : 34
  • Level 4 : 5
  • Level 6 : 2
  • HIV (no level): 5

Da an diesem Gedenktag der Ahnen schulfrei gegeben wurde, unterhielten wir die Kleinen mit simplen Spielen und einer „Zahnputzaktion“, indem wir Zahnbürsten und kleine Tuben verteilten und ihnen richtige „Zahnhygiene“ näher brachten.

Das Wochenende durften wir größtenteils für eigene Aktivitäten nutzen, weshalb Daniela, Hannes, Andreas und Benjamin mit Lual eine Bootstour unternahmen und tags darauf mit dem „Boogyboard“ ihre Kreise zogen.  Fr. Kunze bildete mit einer kleinen Gruppe von Kindern einen „Tonformkurs“, wobei anstelle von Ton lediglich Schlamm benutzt wurde, aber dennoch kreative Skulpturen entstanden. Das Nähprojekt entwickelte mittlerweile eine außergewöhnliche Eigendynamik, indem sich sowohl Frauen als auch Männer am Nähen beteiligten und die Maschine beinahe durchgehend in Betrieb war. Ein ca. 20 Jähriger schien ein Schneiderlehre genossen zu haben, da dieser wie ein Fachmann tüftelte.

Nach dem traditionellen Kirchengang, wo wir eine Kostprobe unsere kläglichen Stimmen und ein Klagelied, getarnt als „Vater unser“ zum Besten gaben, verteilten wir mitgebrachte T-Shirts an die Dorfkinder, die diese, in dem Glauben es seinen Schuluniformen, mit Begeisterung überstreiften und als Dank uns mit dem schon allseits bekannten „MiakWadang- Tanz“ erfreuten.  Mit einer afrikanischen Leichtigkeit hüpften ihre Füße auf und ab, während sich ihre, an die Brust angewinkelten Arme, leicht im dazugehörigen Takt vor und zurückbewegten.

Am Vormittag unserer letzten Woche in Nyeyok stellten wir die zuvor auf einer großen Tafel fixierten Muster von neuem Stundenplan und Schulregeln vor, die für mehr Pünktlichkeit, Höflichkeit, Reinheit und Vorbereitung sorgen sollten. Da die Lehrer ihre Stunden selbst in den geänderten Zeitplan eintragen sollten blieb dieser vorerst leer:

  • Start 9:00
  • 1.Einheit: 45 min
  • 5 min Pause
  • 2. Einheit: 45 min
  • 20-30 min Pause zum Mittagessen
  • 4. Einheit: 45 min à Sport

Unterrichtet wurde mit „spielerischem Lernen“, welches sich in Ballspielen und Gummitwist äußerte, während Santino gemeinsam mit Katrin eine „Buchstabenstunde“ hielt, indem sie erstmals die Utensilien aus der „Schul-box“ verwendeten, und die Kinder den Buchstaben A mit Hilfe des Moosgummialphabets eigens fühlen und erkennen konnten. 
Nachmittags ließen wir die älteren Semester englische Briefe von der VS Termberg beantworten, welche an einem „Afrikatag“ von Schüler einer Hak, die dies als Maturaprojekt hielten, vorgeschlagen und umgesetzt wurden. Da gleichaltrige nicht auf selbem englischsprachigen Niveau schreiben und verstehen konnten, trauten wir dies den Jugendlichen an und erhielten erstaunlich nette, aufgeschlossene und sympathische Antworten. Auf beinahe jedem Brief befand sich eine Zeichnung der südsudanesischen Flagge, wodurch  auf ein starkes Heimatgefühl geschlossen werden kann.

Als ein heftiger Regenschauer die Nacht willkommen hieß, lauschten wir den Erfahrungsberichten aus dem Krieg. Lual erzählte von den in Landesinnere und dadurch verdurstete Menschen; von den Fliegerbomben, die fliehen oder sterben bedeuteten; von den „lost boys of sudan“, die in der Hoffnung auf Friede ihre Heimat verließen und unaufhaltsam Richtung Rettung marschierten, durch Wasser und Land, Erhöhungen und Vertiefungen. Selbst, wenn dein bester Freund an deiner Seite den Kugeln oder der wilden Tiere zum Opfer fiel; alles, woran du denken konntest war einfach weiterzugehen. Er erzählte von Begegnungen nach Jahrzehnten; von Menschen, die sich in die Arme fielen, die Augen nass von Tränen. „Ich dachte, du hättest es nicht geschafft.“
Er erzählte von seiner eigenen Begegnung mit einem 12jährigen Kindersoldaten und in dem sonst so ewig strahlenden Gesicht, lag plötzlich Trauer und Verbitterung. Diese Geschichten ließen jeden Erzähler unglaublich alt wirken.

Am letzten richtigen Tag in Nyeyok konnten wir noch ein Erfolgserlebnis verbuchen, bevor wir den Sudan wieder hinter uns lassen würden. Zum ersten Mal wurde eine „Schulmahlzeit“ gekocht und an jeden Schüler verteilt, da die Konzentrationsschwächen einiger auch auf mangelnden Ernährung bzw. generell fehlendes Essen zurückgeführt werden kann. Zwei Köchinnen sollten gegen ein kleines Entgelt abwechselnd für die Schüler kochen, so hatte es auch der Frauenrat tags zuvor beschlossen.

Anschließend begannen wir uns langsam von unseren Unterkünften und einmonatigem Zuhause zu verabschieden, zusammenzupacken und auch einiges an Getragenem dem Dorf zu hinterlassen. Bei einem abschließenden Abschiedsrundgang durch das Dorf wurde Laura, Katrin und mir noch einmal die Ehre zuteil ein Compound der Dorfbewohner zu besichtigen, mit ihnen Hirse zu reiben, Ketten zu knüpfen und ihre Häuser zu besichtigen. Als wir uns in einem stockdunklen „Schlafzimmer“ befanden, welches für die ganze Familie gedacht war, obwohl sich darin nur zwei Betten befanden, wurden wir uns dem Ausmaß unserer luxuriösen Unterkunft, in der jeder ein eigenes Bett zur Verfügung hatte, erst richtig bewusst. Auch als uns eine weitere Frau zum Tee einlud, eine sudanesische Wertschätzung, und in einem noch kleineren Bau darauf warteten, indem die beiden Matratzen nicht einmal den Platz bekamen, den sie benötigten, während sie in dieser Hitze Müdigkeit ausschwitzten, erkannten wir unseren Reichtum, der für uns absolute Basis zu sein schien. Wenn selbst der Aufenthalt im Sudan für uns als Zerreißprobe wirkte, hatten wir nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, während wir uns über das Loch im Boden, welches als WC fungierte oder über den Wassereimer, der unsere Dusche darstellte, aufzuregen versuchten, dass wir uns noch lange nicht auf der letzte Stufe befinden, geschweige denn auf dem darunterliegenden Boden.

Als wir an uns an einem Mittwoch um 12:15 in unserem Boot befanden, bereit für die Rückkehr in unser altes Leben, dem Dorf Nyeyok zum Abschied winkend, freuten wir uns auf zwei Stunden angenehme Bootsfahrt. Als nach ungefähr einer halben Stunde nur noch am Wasser trieb, weil der Motor mit Problemen der Kühlung zu Kämpfen hatte und daher nicht mehr verwendet werden konnte, war dies der Anfang vom Ende. Noch mit heiterer Laune und einem strahlen blauen Himmel, legten wir an einem beliebigen Ufer an, um sich die einstündige Wartezeit mit Melonen und Nickerchen etwas angenehmer zu gestalten. Doch bereits am Ufer liegend und die Weiten des Flusses betrachtend konnten wir ein unruhiges Treiben des Windes spüren. Die Äste wogen sich im Wind und schienen fliehen zu wollen. Alles in der Natur deutete auf die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm hin. ES bewegte sich kurzzeitig kein Lüftchen, um Sekunden später einen Orkan loszulassen. In unserer heiteren Aufbruchsstimmung ist uns dieser Wink entgangen und erst als wir bei dem Helferboot den Motor ausbauten, das Schiff war für den Transport mehrere Leute inklusive Gepäck eindeutig zu klein, und ihn in unser Boot verfrachteten, spürten wir erste Tropen auf unserer durch die brennenden Sonne. Noch rechtzeitig konnten wir unser Gepäck, unter dem  sie auch teure, elektronische Geräte befanden, mit Planen abzudecken, bevor der Himmel aufbrach und die Hölle sowohl Sonne als auch Wärme verschlang. Bereits in hagelähnlichen Regengüssen und peitschendem Wind kletterten wir in unser Boot in Erwartung eines zweistündigen Höllentrips. Denn wenn in praller Sonne der Fahrtwind dem Gesicht schmeichelte und die Hitze nicht ganz so sengend wirken ließ, in gleißendem Regen fungierte dies als absolutes i-Tüpfelchen der Negativskala.

Doch nicht nur Kälte Windböen sondern auch der unaufhörliche Regen strapazierte unsere Nerven und unser Boot, da sie aufgrund des Monsuns zu viel Wasser im Inneren befand, welches es herauszuschöpfen galt.

Als plötzlich der zweite Motor verstummte, verstummten auch unsere hysterischen Schreie und Rufe. Der zweite Motor versagte, da sich das Benzin zuvor mit Wasser vermischt und beim Nachfüllen zu einem weiteren Schaden geführt hatte. 

Der Regen ließ nach, doch die Kälte und Trostlosigkeit blieb resistent, als wir gefühlte drei Stunden auf ein weiteres Boot warteten und hoffnungslos im Nil trieben, sich in den Schilf gleiten ließen und den näherkommenden Nilpferden  lauschten. Wir hatten keine Ahnung, ob das Boot, welches gefordert wurde, kommen würde, welche Wartezeit hier geduldet werden musste, wann der Regen sowie andere Wetterfoltern endlich von uns abließen. Wir wussten uns lediglich bei Laune zu halten, indem wir zu singen begannen. „Don´t worry, be happy“. „Last christmas“, „I feel good“. In dieser Kontroverse, die unser Überlebensinstinkt aufgrund der präsenten Situation hervorrief, achtete keiner mehr auf falsche Töne oder die Richtigkeit des Textes, nur auf die Glückshormone, die uns überschwemmten. Mit blauen Lippen, zitternden Gliedmaßen und Angst in den müden Augen mussten wir einfach unermüdlich weiter dem Takt unseres Herzens zu gedachten Liedern folgen und Melodik irgendwo am Nil aufleuchten lassen.  Doch selbst der ureigene Instinkt, der sich in Melodien äußerte, flaute nach einiger Zeit ab und ließ verunsicherte, ruhige, zitternde Gesichter zurück, die vergebens jedem Boot, dass uns ignorierend passierte, mit den Augen nachfolgte und am liebsten selbst auf diesem gesessen hätte. Das angeforderte Boot kam nicht, dafür aber ein anderes, welches sich auf der Reise von der südlicheren Stadt Malakal in den Norden des Sudans befand und größenmäßig die Kraft aufbrachte, uns bis nach Melut mitzunehmen. Die Reisenden auf diesem Frachter waren auf solche Naturkatastrophen vorbereitet und hatten sich, nicht ihr Gepäck, unter den Planen warm gehalten. Erst jetzt wurde uns Europäern diese logische Antithese bewusst. Vom Materialismus und Kapitalismus in unserem Kontinent beeinflusst und geprägt, war uns im ersten, gefühlstechnischen Moment unser Gepäck, unsere Kameras und Laptops wichtiger als unsere Gesundheit. Wir haben Erkältungen, Unterkühlungen und Lungenentzündungen riskiert, nur, um unser Gepäck von Wasser und Verlust zu schützen.

Als wir zwei Stunden später endlich in Melut ankamen, verbrachten wir insgesamt 7 Stunden am Nil. Nachdem wir das Boot verlassen hatten und die ersten Erleichterungsseufzer im Rauschen des Windes untergegangen waren, packte uns allen ein Schüttelfrost der schlimmsten Sorte. Erst der Marsch von gut drei Kilometern vom Hafen bis zur Stadt konnte unser Blut wieder zum zirkuliere und Farbe in unsere blassen Gesichter bringen. Der schlammige Weg, der an eine sommerliche Eisbahn erinnerte und eigentlich eine Straße sein sollte, stellte, obwohl gefährlich rutschig, keine große Gefahr mehr da, da unser Wille unsere Körper kontrollierte und nicht mehr davon abließ, bis wir das Haus von Marys Mutter erreicht hatten. Obwohl dunkel konnten wir nicht mehr viel davon erkennen; obwohl dunkel, wussten wir dennoch, dass wir bis zu den Knöcheln in Schlamm steckten. Das Grundstück wurde genauso wenig von dem Unwetter verschont und trotz Schlamm und Wasser, wohin das Auge reichte, konnten wir so bald wie möglich in trockenen Gewändern, in trockenen Betten, in trockenen Räumen einschlafen.
Es wurde uns bereits mitgeteilt, dass einige von uns von Paloic, einer Industriestadt, derer sich hauptsächlich die Chinesen zu Nutzen machten, mit einem Inlandsflug nach Khartoum zurückfliegen können. Nach diesem Tag und dieser Nacht konnte es keiner mehr erwarten ein bisschen westlichen Luxus zu genießen und dank eines Fluges statt um 2 in der Früh des nächsten Tages, nach einer Stunde in der Hauptstadt anzukommen. Und es war, als hätte sich das Schicksal mit uns versöhnen wollen, als alle Teammitglieder einen Platz in der Maschine ergattern konnten, da nicht genügend Geschäftsmänner die Sitze füllten. Um 13 Uhr landeten wir im dort, wo alles angefangen hatte.

Die restlichen Tage verbrachten wir mit Diskussionen über die Schule, resümierten unsere Erlebnisse und erreichten Aufgaben, tauchten ein in die Stadt und die Religion Khartums, indem wir einem „Derwisch“ (typischer islamischer Tanz zum Gedenken der Toten; endet, nach Untergang der Sonne) beiwohnten, auf verschiedenen Märkten noch einige Souvenirs und Mitbringsel für unsere Familien besorgten.

Die Diskussion mit Haruun beschrieb seine und unsere Vorstellung von einer Schule, die als Beispiel dienen sollte für weitere Bildungseinrichtungen. Nicht nur qualifizierte Lehrer, die in einem eigens eingerichteten „Trainingszentrum“ in Melut oder in Khartum die dafür notwenige Ausbildung erhalten sollten, sondern v.a. charakterlich außergewöhnliche Persönlichkeiten mögen solch eine Schule perfektionieren. Dafür benötigt es grundsätzlich einen gut organisierten Administrator, der, unabhängig vom Lehrerpersonal, organisatorische und strukturelle Tätigkeiten verrichtet. Ein Mensch mit Gewissen und Gespür für die Wünsche der Kinder, aber dennoch eine Führungspersönlichkeit, die weiß, die Fäden zu ziehen. Neben solchen Anforderungen wurde auch das Sprachenproblem Englisch, Dinka und Arabisch zur Sprache gebracht und entschieden, dass Dinka Lehrer erforderlich seien, aber auch Englisch und Arabisch als Pflichtfächer in höheren Klassen unterrichtet werden sollen.

An einem Montag nach vier Wochen um 15 Uhr landete EgyptAir in München. Ungewohnt, so vielen weißen, unverschleierten Menschen zu begegnen. Ungewohnt, durch solch einen Komfort und Luxus zu marschieren, als wär man nie weggewesen, als hätte man nie Armut kennengelernt. Ungewohnt in altvertraute Gesichter zu blicken, diese lachen zu sehen. Nur Wiedersehensfreude oder Gelächter aufgrund des Humors einer speziellen Person spiegelt sich in diesem europäischen Ausdruck, nicht aber Hoffnung auf Besseres. Lachen, um nicht weinen zu müssen. Nimm, das Leben wie es kommt und meistere es mit einem Lächeln. Sitze im Regen, singe und lache, so wie wir und die Menschen im Sudan.

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